Definition von Krise und Krisentypen

„Krise ist ein Ereignis oder eine Situation, die als untragbare Schwierigkeit wahrgenommen wird und welche für die betroffene Person vorhandenen oder im Moment zur Verfügung stehenden Bewältigungsstrategien überfordert“ (James, Gilliland, 2017, Crisis Intervention Strategies, S.10). Bei einer ‚Krise‘ bestehen Kommunikationsfähigkeit und Kooperationsbereitschaft, wenngleich das psychische Gleichgewicht labil ist. Beim ‚Notfall‘ ist die Gefährdung bereits derart eskaliert, dass weder von Kommunikationsfähigkeit noch von Kooperationsbereitschaft ausgegangen werden kann: Das psychische Gleichgewicht ist verloren gegangen und es besteht das ernste Risiko einer akuten Selbst- und/oder Fremdgefährdung. Die Notfallintervention ist erst beendet, wenn keine akute Gefährdung mehr besteht. Diese kann in eine Krisenintervention übergehen, sobald keine akute Selbst- und Fremdgefährdung mehr besteht und die Betroffenen in der Lage und bereit sind, Vereinbarungen mit dem Krisenhelfer einzuhalten. Wenn in einer Krisen- oder Notfallsituation professionelle Hilfe angefordert wird, muss davon ausgegangen werden, dass die bisherigen Ressourcen im Umfeld des Klienten stark beansprucht oder gar erschöpft sind.

In der Literatur wird zwischen Lebensveränderungskrise (Entwicklungskrise) und traumatischer (situativer) Krise unterschieden. Beispiele für Lebensveränderungskrisen im sozialen Feld sind u.a. Trennung, Partnerverlust, Arbeitslosigkeit, Umzug, Geburt eines Kindes, Todesfälle in der Familie oder finanzielle Schwierigkeiten. Lebensveränderungskrisen können auch biologische Anlässe haben, z. B. Klimakterium, Pubertät, Krankheit oder Behinderung.

Anlässe für traumatische Krisen sind plötzliche Schicksalsschläge wie der Tod des eigenen Kindes, Naturkatastrophen, sexuelle Gewalt und Missbrauch. Bei traumatischen und Lebensveränderungskrisen ist das Ziel der Intervention, den Betroffenen zu stabilisieren und erst danach die Bearbeitungsprozess einzuleiten (z.B. Prioritäten setzen und Ressourcen unterstützen).

Umgang mit emotionalen Krisen

 Im Verlauf jeder Behandlung können emotionale Krisen und Phasen plötzlicher Verschlechterung eintreten. Ziel ist es, diese Schwierigkeiten aufzufangen und den Klienten die Möglichkeit zu geben, mit solchen Krisen in konstruktiver Weise umzugehen. Jedem Klienten soll die Möglichkeit offenstehen, in Notsituationen (z. B. Stimmungstief, suizidale Ideen) den behandelnden Therapeuten anzurufen bzw. anzusprechen. Ferner sollen Patienten über persönlich bekannte psychotherapeutische Vertreter informiert sein, falls in einer Krise der aktuelle Therapeut persönlich nicht erreichbar ist. Eine sichere Bindung mit dem Therapeuten ist eine unverzichtbare Voraussetzung für die Stabilisierung  des Klienten.

Zu den zentralen Verhaltensmerkmalen eines Therapeuten bei Krisen zählen die beruhigenden Versicherungen. Sie wirken nur dann beruhigend auf Patienten, wenn diese merken, dass die persönlichen Schwierigkeiten von den Therapeuten anerkannt werden, und wenn gleichzeitig deutlich gemacht wird, wie man aus der Krise heraushelfen kann.

Es gelingt zahlreichen Menschen, ihre emotionalen Krisen zu überwinden. Dafür stehen erfolgreiche Therapiealternativen zur Verfügung. Entscheidend ist dabei immer, auch wenn es schwerfällt: anfangen, handeln, aktiv werden, verändern, nicht länger vermeiden und nicht resignieren.  Die Beschäftigung mit Menschen in Krisen und mit Suizidgefährdeten bringt den Helfer selbst auch mit seiner eigenen Krisenanfälligkeit und Einstellung zum eigenen Sterben und Tod in Kontakt. Je besser der Helfer seinen eigenen Sinn des Lebens erarbeitet hat, desto eher wird er den bedrängten, sich in einer Krise befindlichen Menschen auf der Suche nach deren Sinn begleiten können.

Alessandra Carando
Heilpraktikerin für Psychotherapie und systemische Therapeutin
M.A. Politikwissenschaften